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  • Dr. Andrea Grünenfelder

Die Entwicklung des Selbstwertgefühls hat 20 Jahre lang Einfluss auf Berufserfolg und Beziehungen

Aktualisiert: 7. Feb.

Ein geringes Selbstwertgefühl fühlt sich für viele Menschen so an, als ob sie mit angezogener Handbremse durchs Leben gehen. Das wirkt sich auf die Beziehungszufriedenheit, den schulischen und beruflichen Erfolg aus - und dies über Jahrzehnte. Glücklicherweise kann mit gezielter Unterstützung an einem positiven Selbstbild gearbeitet werden.

Die allgemeine Bewertung in Bezug auf die eigene Person wird in der Psychologie als "Selbstwert" bezeichnet, wobei es nicht darum geht, die eigenen Kompetenzen oder Fähigkeiten in einem bestimmten Gebiet zu beurteilen, sondern vielmehr sich selbst als "ganze Person". Menschen mit einem gesunden Selbstwertgefühl empfinden sich als wertvolles Mitglied der Gesellschaft und als liebens-würdig. Wichtig ist dabei, dass die Bewertung bedingungslos ist: d.h. ohne zwingend etwas Besonderes geleistet zu haben, betrachten Menschen mit einem gesunden Selbstwertgefühl sich als Personen, die es wert sind, grundsätzlich geliebt zu werden. Das Vertrauen, dass man "es wert ist, geliebt zu sein und zu werden" resultiert einerseits aus dem Urvertrauen erster Bindungserfahrungen. Andererseits können die Identitätsfindung und -entwicklung im Jugendalter, spätere soziale Erfahrungen oder einschneidende Lebensereignisse das in der Kindheit erworbene Selbstwertgefühl beeinflussen; es stärken, schwächen oder (in)stabil werden lassen. Heute weiss man aus langjähriger Forschung, dass das Selbstwertgefühl der späten Kindheit und dem Jugendalter noch Jahrzehnte später Auswirkungen auf die mentale Gesundheit, auf sozialen, schulischen und beruflichen Erfolg hat (Steiger, Allemand, Robins, & Fend, 2014). Die gute Nachricht ist, dass das Selbstwertgefühl durch geeignete Interventionen positiv beeinflusst werden kann.


Negative Denkmuster durch positive Interpretationen ersetzen

Eine der geeignetesten Interventionen ist es, negative Denkmuster zu erkennen, diese als toxisch zu entlarven und sie durch positive Interpretationsmuster zu ersetzen.

Ein Beispiel aus dem Schulkontext zeigt auf, wie Menschen einen Misserfolg in einer Prüfung interpretieren können:


"Die Prüfung ist misslungen, weil ich dumm bin."

Schlussfolgerung: der Grund für den Misserfolg ist in der eigenen Person verortet und die Eigenschaft ist zudem stabil. Diese Interpretation ist sehr schädlich für das eigene Selbstwertgefühl, da man durch diese Denkweise an der Situation nichts ändern kann und keinerlei Gestaltungskraft in Bezug auf Erfolg oder Misserfolg besitzt.


"Die Prüfung ist misslungen, weil der Lehrer so gemein ist."

Schlussfolgerung: der Grund für den Misserfolg liegt hier ausserhalb der eigenen Person und die Eigenschaft ist stabil. Diese Interpretation ist nicht sehr schädlich für das eigene Selbstwertgefühl, da der Grund für den Misserfolg ausserhalb der eigenen Person gesucht wird, jedoch gibt es auch hier kaum Möglichkeit, an der Situation etwas zu ändern. Das Resultat ist erworbene Hilflosigkeit.


"Die Prüfung ist misslungen, weil die Prüfung viel schwieriger war als üblicherweise."

Schlussfolgerung: der Grund für den Misserfolg liegt hier ausserhalb der eigenen Person und die Situation ist variabel, d.h. das nächste Mal könnte sich die Situation wieder anders darstellen. Auch hier ist man aber der Situation ausgeliefert; jedoch weniger stark als bei der letzten Interpretation. Immerhin kann man bei diesem Denkmuster nachfragen, weshalb die Prüfung viel schwieriger war und ob es anderen ähnlich erging.


"Die Prüfung ist misslungen, weil ich wahrscheinlich zu wenig/nicht das richtige gelernt habe."

Schlussfolgerung: der Grund für den Misserfolg wird hier in der eigenen Person verortet und die Situation ist veränderbar, d.h. die eigene Anstrengung (nicht aber ein unveränderlicher Aspekt der eigenen Person!) wird als Ursache für den Misserfolg festgemacht. Diese Interpretation ist selbstwertdienlich, da man sich selbst zwar verantwortlich macht für den Misserfolg, gleichzeitig geschieht dies jedoch im Wissen, dass man ein Prüfungsresultat zu einem grossen Anteil selbst in der Hand hat.


In der psychologischen Beratung lernen Klientinnen und Klienten viele ihrer negativen Denkmuster durch positive Interpretationen zu ersetzen. Schritt für Schritt werden sie angeleitet, ihre geprüften Interpretationen zu hinterfragen und durch neue, selbstwertdienliche Gedankenmuster zu ersetzen. Viele Menschen haben zunächst Mühe, Misserfolge, eigenes Versagen oder Fehltritte nicht länger als Teil ihrer Persönlichkeit zu sehen, sondern als etwas, das langfristig veränderbar und gestaltbar ist. Das Erkennen der eigenen Wirkungs-, Interpretations- und Gestaltungskraft im Leben führt zu einem neuen "Mindset", das sich schliesslich in höherer Lebenszufriedenheit zeigt.


Wenn Sie mehr über die langfristigen Auswirkungen des Selbstwertgefühls lesen möchten, finden Sie hier eine Reihe spannender Forschungsresultate aus meiner Zeit in der psychologischen Entwicklungsforschung an der Universität Zürich.

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