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  • Dr. Andrea Grünenfelder

Gelassenheit im Umgang mit Konflikten in der Erziehung

Kinder lassen uns eine tiefe Verbundenheit, Liebe und grosse Freude erfahren. Gleichzeitig fordern sie uns täglich heraus. Wir können viel Energie aus den Erfahrungen mit unseren Kindern ziehen, wenn wir auch die alltäglichen Herausforderungen und Reibungspunkte mit ihnen als Entwicklungschance für uns selbst verstehen.



Konflikte haben einen sehr negativen Ruf. Anstatt Konflikte in der Erziehung jedoch um jeden Preis vermeiden zu wollen, sollten wir uns die Frage stellen, welche Chancen Auseinandersetzungen bieten und wie wir und unsere Kinder an diesen wachsen können.

Im Diskurs rund um Erziehung, Beziehung und das Familienleben fällt die extreme Positionierung, Anspannung und Verbissenheit im Umgang mit diesen Themen auf. Das einzig «richtige» elterliche Verhalten wird als feststehende Wahrheit formuliert - im Zentrum stehen Schlagworte wie «Beziehung statt Erziehung», «reine Kindorientierung» oder «unerzogen». Viele Beiträge handeln davon, Konflikten vorzubeugen oder diese zu vermeiden. Ein differenzierter Dialog über die Grenzen dieser Konzepte, die Chancen von Eltern-Kind-Konflikten oder den gesellschaftlichen Druck, der für Mütter und Väter damit ausgelöst wird, fehlt weitestgehend.


Damit einhergehend beobachte ich anstatt eines offenen, entspannten Gesprächs über die eigenen Unzulänglichkeiten im Umgang mit seinen Kindern, verurteilendes und beurteilendes Verhalten von Müttern und Vätern untereinander. Die kritischen Bemerkungen sind oft subtil und getarnt als offene Frage, die Haltung dahinter jedoch unübersehbar. Dabei könnten wir alle etwas ehrlicher sein und zugeben, dass eine Nacht voller Gebrüll wegen Zahnschmerzen, ein Tobsuchtsanfall im Laden oder die provokative Frage vor der Verwandtschaft tief an die Substanz geht und man sein Kind auch mal am liebsten hinter den Mond gewünscht hätte.


Eine Bekannte erzählte mir vor einiger Zeit, wie sie dem ältesten ihrer drei Buben einmal nach der fünften bewussten Provokation aus dem Affekt heraus eine Ohrfeige verpasst habe. Sie schämte sich unglaublich dafür und hatte das Gefühl, mit niemandem darüber sprechen zu können. Zu dem Zeitpunkt waren gleichzeitig die Plakate der Kampagne für eine gewaltfreie Erziehung «Starke Ideen - es gibt immer eine Alternative zur Gewalt» omnipräsent. Ständig wurde sie daran erinnert, wie sie hätte besser handeln können und sie war der festen Überzeugung, ihr Kind damit nachhaltig geschädigt zu haben.


Gewalt an Kindern sollte unbedingt vermieden werden und es ist richtig und korrekt, dass Gewalt zuhause verboten ist. Gleichzeitig ist das Verhalten besagter Mutter im Umgang mit ihren Kindern im Alltag derart liebevoll und die Beziehung sehr stabil, so dass eine einzige Ohrfeige diesem Kind in seiner Entwicklung mit allerhöchster Sicherheit nicht geschadet hat. Sie hat sich bei ihrem Sohn sofort entschuldigt und ihm erklärt, wie es dazu kommen konnte.

Auch wenn sich ihr Sohn an diese negative Erfahrung erinnern wird, so wird er sich auch daran erinnern, dass seine Mutter die Grösse und den Charakter hatte, sich für ihren Fehler zu entschuldigen. Hierbei lernt er viel für seine eigene Charakterbildung.

Nicht das perfekte Erziehungsverhalten, bei dem man niemals laut, ausfällig oder blossstellend wird, sondern vielmehr ein authentisches und ehrliches Verhalten tragen zu einer gesunden Entwicklung und mentaler Gesundheit bei. Natürlich sind die Ansätze einer bedürfnisorientierten Erziehung, in der man die Würde und Integrität des Kindes ernst nimmt, das Kind in (einigen) Entscheidungen einbezieht und den Alltag möglichst konflikt- und stressarm gestaltet, im Grundsatz richtig. Aber seien Sie nicht zu streng mit sich selbst und lassen Sie auch mal Ihren eigenen Bedürfnissen Raum. Konflikte durch gegensätzliche Bedürfnisse in der Familie lehrt Ihr Kind, dass auch Sie nicht unbegrenzt Kraft haben und dass es sich auch einmal zurücknehmen muss.

Konflikte haben einen sehr negativen Ruf. Das ist verständlich, denn sie lösen Spannung aus und bringen Disharmonie und Unruhe in eine Beziehung. Diese Spannungszustände möchten wir sofort auflösen. Konflikte können aber auch Entwicklungschancen sein, denn sie bieten das Potential für echte zwischenmenschliche Auseinandersetzung.

Sie geben Kindern zum Beispiel Orientierung, dass auch andere Menschen Bedürfnisse haben und dass nicht alle immer das gleiche wollen können. Dass es bei einem Konflikt auch einmal kracht, ist klar, denn unterschiedliche Positionen, Interessen und Prioritäten müssen geklärt und ausgehandelt werden. Dieser Aushandlungsprozess führt zu lebenswichtigen Sozialkompetenzen. Anstatt alle Auseinandersetzungen und Stolpersteine im Vorfeld aus dem Weg zu räumen, sollten wir den Fokus vermehrt darauf legen, Konflikte konstruktiv lösen zu lernen.


Erschienen als Gastkommentar von Dr. Andrea Grünenfelder in der Neuen Zürcher Zeitung, NZZ. Artikel "Umgang mit Konflikten in der Erziehung", Neue Zürcher Zeitung vom 13.01.2021

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