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  • Dr. Andrea Grünenfelder

Es ist okay sich zu streiten...

Aktualisiert: vor 2 Tagen

Konflikte haben einen sehr negativen Ruf. Anstatt sie in der Erziehung jedoch um jeden Preis vermeiden zu wollen, sollten wir uns die Frage stellen, welche Chancen Auseinandersetzungen bieten und wie wir und unsere Kinder an diesen wachsen können.


Artikel von Dr. Andrea Grünenfelder, erschienen in der NZZ vom 13. 01. 2021

Im Diskurs rund um Erziehung, Beziehung und das Familienleben fällt die extreme Positionierung, Anspannung und Verbissenheit im Umgang mit diesen Themen auf. Das einzig «richtige» elterliche Verhalten wird als feststehende Wahrheit formuliert – im Zentrum stehen Schlagworte wie «Beziehung statt Erziehung», «reine Kindorientierung» oder «unerzogen». Viele Beiträge handeln davon, Konflikten vorzubeugen oder diese zu vermeiden. Ein differenzierter Dialog über die Grenzen dieser Konzepte, die Chancen von Eltern-Kind-Konflikten oder den gesellschaftlichen Druck, der für Mütter und Väter damit ausgelöst wird, fehlt weitestgehend.


„Konflikte durch gegensätzliche Bedürfnisse in der Familie lehren Ihr Kind, dass auch Sie nicht unbegrenzt Kraft haben und dass es sich auch einmal zurücknehmen muss.”

Offenes Gespräch

Damit einhergehend beobachte ich anstatt eines offenen, entspannten Gesprächs über die eigenen Unzulänglichkeiten im Umgang mit seinen Kindern verurteilendes und beurteilendes Verhalten von Müttern und Vätern untereinander. Die kritischen Bemerkungen sind oft subtil und getarnt als Frage, die Haltung dahinter jedoch unübersehbar. Dabei könnten wir alle etwas ehrlicher sein und zugeben, dass eine Nacht voller Gebrüll wegen Zahnschmerzen, ein Tobsuchtsanfall im Laden oder die provokative Frage vor der Verwandtschaft tief an die Substanz geht und man sein Kind auch einmal am liebsten hinter den Mond gewünscht hätte.

Eine Bekannte erzählte mir vor einiger Zeit, wie sie dem ältesten ihrer drei Buben einmal nach wiederholter Provokation aus dem Affekt heraus eine Ohrfeige verpasst habe. Sie schämte sich unglaublich dafür und hatte das Gefühl, mit niemandem darüber sprechen zu können. Zu dem Zeitpunkt waren zu allem Überfluss auch noch die Plakate der Kampagne für eine gewaltfreie Erziehung «Starke Ideen – es gibt immer eine Alternative zur Gewalt» omnipräsent. Ständig wurde sie daran erinnert, wie sie hätte besser handeln können, und sie war der festen Überzeugung, ihr Kind damit nachhaltig geschädigt zu haben.

Nun ist es natürlich so, dass Gewalt an Kindern unbedingt vermieden werden soll, und es ist richtig und korrekt, dass Gewalt zu Hause verboten ist. Gleichzeitig ist das Verhalten besagter Mutter im Umgang mit ihren Buben im Alltag derart liebevoll und die Beziehung ist so stabil, dass eine einzige Ohrfeige diesem Kind in seiner Entwicklung mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit nicht geschadet hat. Sie hat sich bei ihrem Sohn auch entschuldigt und ihm erklärt, wie es dazu kommen konnte. Obgleich er sich an diese negative Erfahrung erinnern wird, wird ihm nicht minder in Erinnerung bleiben, dass seine Mutter die Grösse hatte, sich für ihren Fehler zu entschuldigen. Hierbei lernt er viel für seine eigene Charakterbildung.


Auch eigenen Bedürfnissen Raum geben

Nicht das perfekte Erziehungsverhalten, bei dem man niemals laut, ausfällig oder blossstellend wird, sondern vielmehr ein authentisches und ehrliches Verhalten trägt zu einer gesunden Entwicklung und mentaler Gesundheit bei. Natürlich sind die Ansätze einer bedürfnisorientierten Erziehung, in der man die Würde und Integrität des Kindes ernst nimmt, das Kind in Entscheidungen einbezieht und den Alltag möglichst konflikt- und stressarm gestaltet, im Grundsatz richtig. Aber seien Sie nicht zu streng mit sich selbst, und lassen Sie auch einmal Ihren eigenen Bedürfnissen Raum. Konflikte durch gegensätzliche Bedürfnisse in der Familie lehren Ihr Kind, dass auch Sie nicht unbegrenzt Kraft haben und dass es sich auch einmal zurücknehmen muss.


Konflikte haben einen sehr negativen Ruf. Das ist verständlich, denn sie lösen Spannung aus und bringen Disharmonie und Unruhe in eine Beziehung. Diese Spannungszustände möchten wir sofort auflösen. Konflikte können aber auch Entwicklungschancen sein, denn sie bieten das Potenzial für echte zwischenmenschliche Auseinandersetzung.

"In einem Streit müssen unterschiedliche Positionen, Interessen und Prioritäten geklärt und ausgehandelt werden. Dieser Aushandlungsprozess führt zu lebenswichtigen Sozialkompetenzen."

Sie geben Kindern zum Beispiel Orientierung darin, dass auch andere Menschen Bedürfnisse haben und dass nicht alle immer das Gleiche wollen können. Dass es bei einem Konflikt auch einmal kracht, ist klar, denn unterschiedliche Positionen, Interessen und Prioritäten müssen geklärt und ausgehandelt werden. Dieser Aushandlungsprozess führt zu lebenswichtigen Sozialkompetenzen. Anstatt alle Auseinandersetzungen und Stolpersteine im Vorfeld aus dem Weg zu räumen, sollten wir den Fokus vermehrt darauf legen, Konflikte konstruktiv lösen zu lernen.


Artikel von Dr. Andrea Grünenfelder, erschienen in der NZZ vom 13. 01. 2021

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